Dienstag, 2. Juli 2013

Komplizierte Trauerreaktionen bei Selbstmord und SIDS



Komplizierte Trauerreaktionen bei plötzlichem Tod

Anhang zum Post in diesem Blog „Psychologie der Trauer“ (nach W. Worden)


1. Plötzlicher Säuglingstod (SIDS):

(Sudden Infant Death Syndrom), während des ersten Lebensjahres, meist zwischen dem 2. und 6. Monat; möglicherweise Virusinfektion; Eltern sprechen vom Erstickungstod oder einer vorher nicht vermuteten Krankheit.

Erschwerende Umstände bei Trauerreaktion:
  • Tod ohne Vorwarnung, großer Schock.
  • Da keine eindeutige Ursache festzustellen ist: enorme Schuldgefühl, Vorwürfe der Eltern: "Wäre ich doch bloß wachgewesen, als es starb!" Angst vor Verdacht der Vernachlässigung: "Warum ist das Baby gestorben?"
  • Rechtsordnung schreibt Untersuchung vor; die Polizei ermittelt. Strenge Befragungen, teilweise Inhaftierungen; besonders belastende Situation.
  • Autopsie meist notwendig, aber für die Eltern ein Schock; günstigere  Bezeichnung: "Untersuchung nach dem Tod"; die Eltern müssen behutsam überzeugt werden zuzustimmen; Gründe: Autopsie ist letzte Gelegenheit, alle Fakten für den plötzlichen Tod festzustellen, was die Trauerarbeit erleichtert; außerdem ist die Kenntnis der wirklichen Todesursache nötig für die Regelung von Versicherungs- und Rechtsangelegenheiten.
  • Besondere Bedeutung des gestorbenen Kindes innerhalb der Familie. Ältere Kinder haben oft Ressentiments gegen das Neugeborene; wenn dieses dann stirbt, kann das zu furchtbaren Schuldreaktionen bei den Geschwistern führen.
  • Komplikationen in der Paar-Beziehung; manche Paare verzichten hinfort auf sexuelle Betätigung; Angst vor Wiederholung der Verlusterfahrung. Missverständnisse zwischen den Eheleuten. Die Frau glaubt z.B., der Mann trauere nicht genug, weil er nicht weint; dabei weint der Mann nicht vor seiner Frau, um sie nicht noch mehr zu belasten etc.. Zusammenbruch der Kommunikation.
  • Zorn, Enttäuschung, Wut angesichts des Säuglingstodes: "Das Kind hat mich verlassen!" Eltern sollen begreifen, dass derartige Gefühle, Reaktionen normal sind.
  • Umgang des Krankenhauspersonals mit den trauernden, schockierten Eltern: entscheidend bei der Verarbeitung. Es sollte den Eltern Gelegenheit gegeben werden, bei dem toten Säugling zu verharren, von ihm Abschied zu nehmen. Kontroverse Einstellungen dazu.
  • Informationen über SIDS wichtig, auch über den Ablauf des Trauerprozesses. Die ganze  Familie  sollte in die Trauerbegleitung oder Therapie mit einbezogen werden. Gefahr der Leugnung des Todes und  Steckenbleibens in der Trauerphase 1 (s. Post: 'Psychologie der Trauer', Trauerphasen 1- 4): die Eltern verändern z.B. jahrelang nichts am Zimmer des verstorbenen Kindes, bereiten ihm täglich das Bad etc...
  • Günstig ist die Kontaktaufnahme mit anderen Paaren, die ein ähnliches Trauma durchlebt haben; begünstigt die Erkenntnis, dass keine Mitschuld am Tod des Kindes besteht.

  

2. Selbstmord

Jährlich nehmen sich Hunderttausende von Menschen das Leben. Für die Hinterbliebenen bedeutet Selbstmord "die am schwersten zu akzeptierende und hinsichtlich einer wirksamen Bewältigung schwierigste Verlustkrise", (Cain 1972, zitiert bei W. Worden, s. Literaturangabe in Post: „Psychologie der Trauer“, Lit.2, S. 100).

Extreme Trauersituation durch:
  • Scham: dominierendes Gefühl bei Hinterbliebenen; Selbstmord trägt  in der Öffentlichkeit besonderes Stigma; Scham der Hinterbliebenen beeinträchtigt die Interaktion mit der Gesellschaft. Enormer Druck auch innerhalb des Familienverbandes; verändert die Beziehungen untereinander dramatisch; bestimmte Tatsachen, die mit dem Todesfall zusammenhängen, werden voreinander verschwiegen, gleichzeitig ist meistens bekannt, wer genau was weiß; das Verhalten zueinander wird in stiller Übereinkunft daran ausgerichte. Ein Stigma trägt auch der Selbstmörder, der einen Selbstmordversuch überlebt. Oft negative Reaktion der Umgebung; Scham bei dem Selbstmörder.
  •  Schuld: Die Hinterbliebenen fühlen sich verantwortlich für die Tat; peinigendes Gefühl, nicht genug getan zu haben, um den Selbstmord zu verhindern; besonders schlimm bei vorangegangenem zwischenmenschlichem Konflikt. Schuldgefühle treten zwar oft bei Trauernden auf, aber bei Selbstmord ist das Schuldempfinden der Hinterbliebenen extrem; Bedürfnis nach Bestrafung. Selbstbestrafungs-verhalten bei Kindern und Jugendlichen durch kriminelles Verhalten, Drogen- oderAlkoholmissbrauch; auch durch bewusste Fresssucht bis hin zu Zertrümmerung der eigenen Knochen etc. Erschwerend ist auch die stumme oder ausgesprochene Schuldzuweisung durch Angehörige: "Du bist Schuld am Tod deines Bruders!" Unfähigkeit des jungen Menschen, die eigene Schuld in der Realitätsprüfung zu testen.
  •  Zorn, Wut: Die Wut über den Selbstmord kann so groß sein, dass Schuldgefühle entstehen. "Verdammt, wenn du dich nicht selber umgebracht hättest, würde ich dich umbringen für das, was ich deinetwegen durchmachen muss!" 
  • Geringes Selbstwertgefühl: Durch den Selbstmord des anderen fühlt man sich von ihm abgelehnt; "wenn ich ihm mehr bedeutet hätte, würde er sich nicht das Leben genommen haben." Das Gefühl der Ablehnung ist ein Anschlag auf das eigene Selbstwertgefühl. Extremes  Gefühl des Verlassenseins.
  • Grundangst bei den Hinterbliebenen vor den eigenen selbst zerstörerischen Impulsen. Angst vor einem schicksalhaft bösen Ende für sich. Vornehmlich bei jungen Männern, deren Väter Selbstmord begangen haben. Bei mehreren Selbstmorden in der Familie herrscht die Angst bei den Mitgliedern, dass es sich um vererbbare Selbstmordneigung handeln könnte; Angst, im Leben zu versagen.
  • Verzerrtes Denken: Bedürfnis der Hinterbliebenen, den Selbstmord  nicht als solchen, sondern als Unfall oder als ein irgendwie natürlicheres Ableben zu erklären. Innerhalb der Familie kann dadurch eine "verzerrte Kommunikation" entstehen: der Tod des Angehörigen wird mit einem Mythos umkleidet; wer den Mythos in Frage stellt und die wirkliche Todesart erwähnt, zieht den Zorn der anderen auf sich. Solche Verzerrungen, auch in Form übertriebener Vorstellungsbilder von dem Verstorbenen wie  z.B.: "Er war ein Super-Vater"oder: "Er war ein Schwein" etc. müssen korrigiert werden.

           Maria Reinecke, Berlin, 2008           
           www.maria-reinecke.de







Sonntag, 5. Februar 2012

Psychologie der Trauer


Konzept zur 'Psychologie der Trauer'.
Mit praktischen Hinweisen für den Umgang mit Trauernden.

Maria Reinecke, Autorin, Psychologische Beraterin, Berlin 2007  
www.maria-reinecke.de     


 


Inhalt:

Literaturhinweise 

Vorbemerkung

Trauer allgemein  

Bindungstheorie nach John Bowlby 

Trauer aus psychoanalytischer Sicht

Trauerprozess

Trauerphasen 1-4 (nach Verena Kast)
Traueraufgaben 1-4 (nach William Worden)


Literaturhinweise

1.  Leitfaden zur Trauertherapie und Trauerberatung, Göttingen 1991.

2.  Beratung und Therapie in Trauerfällen, J. William Worden, Bern 1987.

3.  Grundkonzepte der Psychotherapie, Jürgen Kriz, München 1985.

4. Trauer und Melancholie, Siegmund Freud, Berlin 1982 

5.  Verlust, Trauer und Depression,  John Bowlby, Fischer 1983

6.  Zeit des AbschiedsMonika Specht-Tomann, Doris Tropper, Krummwisch b. Kiel 2005

7.  Wie können wir Sterbenden beistehen?, Margaretta K. Bowers, Kaiser- Grünwald 1973

8.  Unwiederbringlich – vom Sinn der Tauer, Monika Müller, Matthias Schnegg, Freiburg/Breisgau 1997

9.  Verlass mich nicht, wenn ich schwach werde, Handbuch z. Begleitg. Schwerkranker u. Sterbender,  
     Andreas Ebert, Peter Godzik

10. Interviews mit Sterbenden, E. Kübler-Ross, Stuttgart 1969

11. Wege der Trauer, Vamik D. Volkan, Elizabeth Zintl, Gießen 2000.
     
    

Vorbemerkung


In einer Gesellschaft, in der der Tod tabuisiert und Trauer wegrationalisiert wird, steht der Trauernde meist allein da und benötigt doch dringend Hilfe. Unerkannte, versteckte, steckengebliebene oder nicht verarbeitete Trauer führen bei Hinterbliebenen nachweislich zu schweren psychischen und psychosomatischen Störungen, auch noch nach Jahren.
Eine Studie der Trauerberatungsstelle an der Universität Essen signalisiert die Dringlichkeit, sich mit dem Phänomen Trauer auseinander zu setzen.
Wir benötigen insgesamt mehr Wissen und Können, mehr Sensibilität und mehr Aktivität,  um bei Trauer effektiv intervenieren und vorbeugende Psychehygiene leisten zu können. Dies gilt besonders für Hausärzte, Neurologen,  Therapeuten,  Psychologische Berater, Psychotherapeuten, aber auch für Bestattungsunternehmer, Familientherapeuten, Krankenschwestern, Krankenpfleger und Sozialarbeiter.


Trauer allgemein

Trauer ist ein Grundgefühl und begleitet unser Leben von frühester Kindheit an;
Trauer ist die schmerzliche Erfahrung des Wechsels von Bindung und Trennung, von Ablösung, Abschiednehmen, Verlust; insgesamt Erfahrungen, die tiefe Spuren in uns hinterlassen, egal ob es sich bei dem Verlust zunächst um eine Puppe, ein Haustier oder später um eine Freundschaft, ein Ideal etc. handelt.
Die stärksten Verlusterlebnisse erleidet bereits der Säugling durch die wie auch immer geartete Trennung, Ablösung von der Mutter. Die unvermeidliche, nie optimal verlaufende Trennung von der Mutter oder einer anderen primären Bezugsperson ist für ihn eine zutiefst beunruhigende, traumatische Erfahrung, die seine gesamte Existenz bedroht und tief in ihm verankert bleibt.
Bevor wir mit der Grenzsituation des Todes konfrontiert werden und damit den endgültigen Verlust eines geliebten Menschen erleiden müssen, haben wir viele "kleine Tode"  in unserem alltäglichen Leben erlitten in der Weise, dass wir eine Fülle von schmerzlichen Abschieden, Trennungen, Loslösungen bereits verarbeiten mussten: meist notwendige Ablösungen, ohne die eine Individuation, ein gesundes Erwachsenenleben und psychisches Überleben nicht  möglich wären; die gleichzeitig jedoch große Verunsicherung, Verzweiflung in uns hervorrufen, ein unstetes, unbestimmtes Suchen und Sehnen in uns bewirken und uns insgeheim immer schon die eigene Endlichkeit, Vergänglichkeit bewusst machen. Der Tod ist der konkreteste Verlust, und unsere Reaktionen darauf sind das Ergebnis aller Reste nicht abgeschlossener, erzwungener, überstürzter Trennungen.

Angesichts des Todes eines geliebten Menschen wird Trauer zu einer akuten, dramatischen Grenzerfahrung, in der Elemente frühester Trennungserlebnisse wieder- erinnert und die damit verbundenen archaischen Ängste neu wirksam werden; ein Zustand, der pathologische Erscheinungsformen annehmen kann. Aber auch „normal“ verlaufende Trauerprozesse bewirken tiefgreifende Veränderungen im gesamten leib-seelischen Bereich des Trauernden.

Der Verlust eines geliebten Menschen ist durchaus auch eine narzisstische Kränkung: man ist verlassen worden; mit allen Alltagssorgen und wirtschaftlichen, emotionalen, gesellschaftlichen Konsequenzen, die sich daraus ergeben: Verlust des Sexualpartners, Kameraden, Versorgers, Beschützers etc..., je nachdem welche Rollen der Gatte jeweils vornehmlich ausgefüllt hat. Der affektive Ausdruck dieser Kränkung ist uneingestandene Wut auf den, der uns allein gelassen hat; eine Wut, die sich jedoch zunächst weitestgehend nicht gegen den Verstorbenen richtet, sondern gegen andere, in schweren Fällen gegen das eigene Selbst, bis hin zu selbst zerstörerischen Tendenzen.


Bindungstheorie nach John  Bowlby (1907-1970)

W. Worden geht in seiner Trauerberatungs-Studie von der Tatsache aus, dass die schmerzlichen Erfahrungen von Trennung, Ablösung und Verlust umso stärker sind je intensiver die Bindung vorher war und verweist in diesem Zusammenhang auf den britischen Psychiater John Bowlby, der der grundsätzlichen Frage nachgeht, warum  Individuen überhaupt dazu neigen, starke affektive Bindungen zu anderen Individuen herzustellen.
Durch Bowlbys Bindungstheorie, die  das Ergebnis einer breit angelegten Forschung in Ethnologie, Kybernetik, Kognitiver Psychologie, Neurophysiologie und Entwicklungsbiologie darstellt, können wir besser verstehen, wie es zu den  starken Trauerreaktionen kommt, die eintreten, wenn Bindungen gefährdet oder zerbrochen sind.

J. Bowlby wendet sich grundsätzlich gegen die simplifizierende Auffassung, dass Bindungen zwischen Individuen nur entstehen, wenn Primärbedürfnisse wie Nahrungstrieb und Geschlechtstrieb zu befriedigen sind und weist auf Forschungsergebnisse mit Tieren darauf hin, dass Bindungen auch ohne Verstärkung durch  Primärbedürfnisse entstehen. Nach Bowlby entstehen affektive Bindungen auch aus Schutz/Beschützer- und Sicherheitsbedürfnis und entwickeln sich in den frühesten Lebensphasen. Am Bindungsverhalten eines Kindes z. B. kann abgelesen werden, wie gut und zuverlässig  die elterliche Betreuung war, d.h. in welchem Maße das Kind imstande ist, sich von ihnen vertrauensvoll zu entfernen, eigene Wege zu erkunden, neue Bindungen einzugehen, ohne Angst, den elterlichen Schutz, ihre Liebe  dadurch zu verlieren.Situationen, die die (über-)lebensnotwendigen Bindungen ernsthaft gefährden, rufen bei den Betroffenen heftige Reaktionen hervor: Anklammern, Weinen, Schreien, Wut, später auch Apathie, Verzweiflung, inneren Rückzug. Dieses Stress- und Kummerverhalten zeigen auch Tiere. 

z.B.  K. Lorenz beschreibt das kummerartige Verhalten einer Graugans, als diese von ihrem Paarungspartner getrennt wurde; oder: ein Delphin hat nach dem Tod seines Partners die Nahrung verweigert. Der Psychiater G. Engel (Rochester) schilderte in einem Vortrag detailliert einen Fall von schmerzlichem Verlust mit allen typischen Reaktionen, die bei trauernden Menschen beobachtet werden können; im Nachhinein stellte sich heraus, dass er „nur“ das Verlustverhalten einer Straßenhenne beschrieben hatte, die ihren Partner verloren hatte etc.



Nach Bowlby gibt es biologische Gründe dafür, dass auf  Verlust und Trennung automatisch aggressiv reagiert würde, aber gleichzeitig hält er Verlust reparabel und nicht für unwiederbringlich; in seiner biologischen Theorie des Trauerns kommt er zu dem Schluss, dass sich im Laufe der Evolution ein entsprechendes triebmäßiges Rüstzeug entwickelt habe, das  darauf ziele, zu dem verlorenen Objekt eine Beziehung wiederherzustellen (W. Worden, Lit. 2, S.16). Trotz der primitiven biologischen Prozesse, die nachweislich auch bei der Trauer des Menschen in gewisser Übereinstimmung mit denen bei Tieren mitwirken, sind noch andere Trauerreaktionen beim Menschen zu beobachten, die sich nur bei ihm zeigen (s. u. Trauerprozess).

Das zentrale Thema in Bowlbys Buch „Verlust, Trauer  und Depression“ (Lit. 5) ist die Frage: Wie stark sind die Verlust- oder Trauerreaktionen eines Menschen beeinflusst durch Erfahrungen mit Bindungsfiguren, vom Säuglingsalter an, in der Kindheit bis zur Adoleszenz?  Bowlbys These lautet:

Die frühen Erfahrungen mit Bindungsfiguren erklären zum großen Teil die Unterschiede, die bei der Trauer von Erwachsenen zu beobachten sind. Bowlby weist nach, dass sich die Trauerreaktionen besonders von Kindern und Erwachsenen „normal“  gestalten können, wenn die Umstände günstig sind, z.B.:

-        eine sichere, stabile Beziehung  zu den Eltern besteht;
-        schnelle, klare, korrekte Aufklärung, Information gegeben wird darüber, was geschehen  ist
-        alle möglichen Fragen zugelassen werden und möglichst ehrliche Antworten gegeben werden;
-        viele Freunde, Bekannte, Nachbarn etc. an der Trauer der Familie und am Bestattungsritus
      teilnehmen;
-       der überlebende Elternteil anwesend ist oder eine bekannte  Ersatz-Vertrauensperson, mit der
     Versicherung, dass diese Beziehung verlässlich ist.

Bowlby beleuchtet auch die neurophysiologischen Prozesse, die bei Verlust-Kummer und Trauer eine große Rolle spielen, nämlich die Verbindung zwischen abnormen Spiegeln gewisser Neuroendoktrine und Neurotransmittern einerseits und affektiven Zuständen und Störungen andererseits. Wobei Umfang und Muster neurophysiologischer Reaktionen auf psychologische Ereignisse  individuell unterschiedlich sind. Auch der Grad des Trauerschmerzes ist individuell verschieden, jeweils abhängig vom genetischen Ursprung des einzelnen und durch die spezifischen Kindheitserfahrungen geprägt. Denn genetische Einflüsse vollziehen sich nicht in einem Vakuum, sondern es bestehen komplexe Interaktionen zwischen genetischen Einflüssen und Umweltseinflüssen. Bei schweren persönlichen Belastungen, Bedingungen in der Kindheit z.B. wird der Zustand des neuroendoktrinen Systems dauerhaft verändert, so dass dieses später empfindlicher oder weniger empfindlich auf  Stress-Situationen, u.a. auch Trauer,  reagiert. 

(Vertiefende Literatur zu dem Thema Trauer aus Sicht der Hirnforschung s. z.B. bei  Antonio Damasio, „Descartes’ Irrtum“, Berlin , 2006, S. 169, 187 ff)

Trauer aus psychoanalytischer Sicht

Eine genauere Betrachtung, welche innerpsychischen Mechanismen hinter der Trauer und damit dem Verlust von menschlichen Beziehungen, Bindungen stehen, geht von psychoanalytischen Erklärungsmodellen aus, grundsätzlich der Freudschen Theorie. Psychoanalytische Theorien beschreiben die Beziehung zwischen Menschen  vorrangig als innerpsychisches Geschehen, d.h.: wenn wir eine Beziehung zu einem Menschen entwickeln, bauen wir jeweils ein inneres Bild von dem anderen in uns auf und "besetzen" es mit unserer psychischen, libidinösen Energie, die sehr widersprüchlich sein kann. Eine partnerschaftliche Beziehung findet demnach nicht mit dem realen Objekt, der realen Person, statt, sondern mit deren subjektiven Abbild in unserer eigenen Psyche, der sog. Objektrepräsentanz in uns. 

Bei dem Tod eines nahestehenden Menschen entsteht - auch im Normalfall - eine vorübergehende Spaltung im Ich: die Realitätsprüfung der Psyche signalisiert einerseits unablässig den Verlust der realen geliebten Person, sein endgültiges Nichtmehrdasein und verlangt, jene libidinösen Energien von dem inneren Abbild der geliebten Person abzuziehen; andererseits leistet das Ich dagegen erheblichen Widerstand und hält die Objektrepräsentanz in sich verzweifelt aufrecht, als wäre der Verlust nicht aufgetreten. In dieser heftigen Abwehrreaktion liegt die Erklärung für den allgemein als betäubt oder gelähmt erscheinenden Zustand Trauernder in den ersten Stunden und Tagen nach dem Tod des geliebten Menschen (s. u. Phase 1 des Nichtwahrhabenkönnens, bzw. –wollens).

Die zur libidinösen Besetzung und Aufrechterhaltung der Objektrepräsentanz aufgewandte Energie muss normalerweise auf die reale geliebte Person abgeführt  werden. Freud begründet das mit einer der 
grundlegenden Funktionsweisen unseres psychischen Apparates, dem Konstanzprinzip; d.h. die 
Erregungsqualität unserer Psyche soll auf möglichst niedrigem Niveau, so konstant wie möglich gehalten 
werden. Stirbt jedoch die geliebte  Person, können die Besetzungsenergien, die sich jahrelang in uns aufgebaut haben, nicht mehr abgeführt werden. Das Bestreben des Ichs geht nun dahin, die Repräsentanz des geliebten Objekts gegen die eigene Realitätsprüfung aufrechtzuerhalten; dazu muss es aber ein höheres Maß an Besetzungsenergie aufwenden, während der psychische Abfuhrvorgang sich unlustvoll verlangsamt und 
gehemmt wird; die Besetzungsenergie staut sich, bleibt stecken, weil sie nicht mehr auf die reale Person weitergeleitet werden kann. Das ist ein schmerzlicher Verlauf. Es kommt 
zu einer vorübergehenden Verarmung des Ichs. Doch im Gegensatz zur Melancholie bzw. Depression, bei
der das Ich sich dauerhaft und gefährlich aggressiv gegen sich selbst und gegen die Objektwelt richtet und 
zu einer wütenden oder deprimierten Stimmung führt, bleiben bei (normaler) Trauer die libidinösen Objektbesetzungen sowie die Fähigkeit zu reifen Objektbeziehungen erhalten.

„Bei der Trauer... ist die Welt arm und leer geworden, bei der Melancholie (Depression) ist es
das Ich selbst.“ (Freud 1917, s. Lit. 4)

Im Verlauf der „Trauerarbeit“ - die von Freud stammende Terminologie steht noch heute hinter jeder
Trauertherapie - müssen die Besetzungen der alten Objektrepräsentanzen Stück für Stück abgebaut,
verändert werden.
Trauerarbeit ist eine aktive, innerpsychische Handlung der trauernden Person, bei der Schritt für Schritt überbesetzte Erinnerungsspuren aktualisiert und deren Besetzungen allmählich abgelöst werden müssen, bis
sich am Ende des Trauerprozesses eine Veränderung der Objektrepräsentanz vollzogen hat: es ersteht im Trauerenden eine neue, stabile, verlässliche Repräsentanz des geliebten Verstorbenen, jedoch nicht mehr als vermeintlich Lebender, sondern als Toter.

„An jede einzelne der Erinnerungen und Erwartungssituationen, welche die Libido an das verlorene
Objekt geknüpft zeigen, bringt die Realität ihr Verdikt heran, dass das Objekt nicht mehr existiere, 
und das Ich, gleichsam vor die Frage gestellt, ob es dieses Schicksal teilen will, lässt sich durch 
die Summe der Befriedigungen, am Leben zu sein, bestimmen, seine Bindungen an das vernichtete 
Objekt zu lösen.“ (Freud 1917, Lit. 4)  


Der Trauerprozess
  
Die Erfahrung von Tod und Trauer ist etwas anderes als nur davon zu wissen. Die akute Trauer
erfasst den ganzen Menschen und berührt alle seine Lebensbereiche. Der Tod eines geliebten Menschen, 
die Endgültigkeit, die damit verbunden ist, die Gewissheit, dass Dinge nie mehr so sein werden wie bisher, 
ist immer ein Schock. Der Trauernde hat oft Angst, in seinem extremen Schmerz verrückt zu sein oder 
zu werden oder dafür gehalten zu werden. In einer Gesellschaft, in der der Tod tabuisiert und Trauer wegrationalisiert wird, steht der Trauernde meist allein da. Nur selten sucht er professionelle Hilfe 
oder  überhaupt Hilfe.    

Der von Freud als „Normaleffekt“ bezeichnete Trauervorgang, der von selbst irgendwann verschwindet und 
in den man sich nicht einmischen solle, wird dem in Wirklichkeit sehr viel komplizierter ablaufenden  
Trauerprozess und den Folgegefahren verdrängter, nicht verarbeiteter oder steckengebliebener Trauer nicht gerecht, wie die Forschungsergebnisse  auf diesem Gebiet zeigen. Abgesehen von pathologischen oder komplizierten   Formen der Trauer, gestaltet sich auch „normal“ verlaufende Trauer oft schwierig. Wesentliche Faktoren, die dem Trauernden einst Halt boten: Bestattungsriten, überhaupt soziale Riten, tragfähige Familienstrukturen und Eingebundenheit in eine kirchliche Gemeinschaft, das gesamte „soziale Netz“ fallen 
in der modernen Gesellschaft, vor allem in den Großstädten, weg. Der Trauernde ist alleingelassen mit seinem Schmerz und  braucht doch dringend Hilfe.  

Trauer wird zwar individuell und unterschiedlich erlebt und gestaltet und hängt von den Umständen des Todes 
und von der Art der Beziehung zwischen dem Verstorbenen und Zurückgebliebenen ab, doch gibt es typische 
Gefühle, Äußerungen, körperlich-seelische Reaktionen  bei Trauernden, die sich in übereinstimmender Phasen-Abfolge, prozessartig  vollziehen. Eine Grundlage für das Verständnis des Trauerprozesses bildet z.B. das Vier-Phasen-Modell der Schweizer Psychologin Verena Kast. Auch Parkes (1970) und Bowlby (1980)  unterstreichen den Gedanken, dass Trauernde eine Reihe von Phasen oder Stufen durchmachen müssen, 
bis das Trauern abgeschlossen ist. Worden schlägt in Anlehnung an Freud das Konzept der Traueraufgaben 
vor; der darin enthaltene Begriff Aufgabe macht deutlich, dass der Trauernde aktiv werden muss  und 
aufgefordert wird, selbst etwas zu tun in seiner Situation, während das  Phasen-Konzept eher ein passives Hinnehmen, ein Nur -Durchlaufen von Phasen impliziert. Beide Ansätze, der von Verena Kast und von William Worden, bieten wichtiges Material  für die Trauerberatung und sollen daher nebeneinander vorgestellt werden. Anzumerken ist, dass die Trauerphasen nicht zwangsläufig so und nur geradlinig verlaufen, sondern eher spiralförmig und es jederzeit zu Rückfällen kommen kann.   


Die vier Trauerphasen nach Verena Kast bzw. vier Traueraufgaben nach William Worden, Lit.2:
  
Trauerphase 1 (Kast): Nichtwahrhabenwollen  
Traueraufgabe 1 (Worden): Den Verlust als Realität akzeptieren

Manche Menschen bleiben in der 1. Phase des Nichtwahrhabenwollens stecken, z.B.
durch hartnäckiges Leugnen über einen langen Zeitraum, dass der Tote wirklich tot sei: Er kann nicht tot sein. Nein, ich weiß, dass N. nicht tot ist. Ich will nicht, dass er tot ist...  Er kommt gleich wieder...; in selteneren Fällen stellt sich Leugnen durch Wahnvorstellungen ein und der Hinterbliebene lässt den Leichnam tagelang zu Hause liegen, ohne jemandem Bescheid zu sagen; häufig besteht die Tendenz der „Mumifizierung“, d.h. Besitztümer des Verstorbenen werden in mumifiziertem Zustand aufbewahrt für den Fall, dass er zurückkehrt: Queen Victoria z. B. ließ nach dem Tod ihres Gemahls täglich für ihn Kleider und Rasierzeug herauslegen; oder Eltern, die ihr Kind verloren haben, lassen das Zimmer über viele Jahre unverändert.
Die Realität des Todes kann auch abgewehrt werden durch Leugnung der Bedeutung des
Verlustes; im Gegensatz zur Mumifizierung werden in diesem Fall Gebrauchsgegenstände
des Verstorbenen und alles, was an ihn erinnern könnte, schnell beseitigt.

Therapeutischer Hinweis: Gefahr der „aufgeschobenen Trauer“.
Körperlich-seelische Reaktionen: Schockzustand, Herzrasen, Schweißausbrüche, 
Übelkeit, Erbrechen, verzögertes Reagieren, Unruhe, Bewegungslosigkeit, 
Starre, Kontaktverweigerung, Verwirrung...


Trauerphase 2 (Kast): Aufbrechende Emotionen / Traueraufgabe 2 (Worden): Den Trauerschmerz erfahren   
Schuldproblematik: Der Hinterbliebene empfindet Schuld an dem Tod des geliebten Menschen; als hätte er mehr dazutun können, um den Tod zu verhindern, aufzuhalten oder als hätte er dem Toten zum Schluss mit mehr Liebe, Geduld, Verständnis begegnen müssen. Es kann auch zu heftigen, zornigen Beschuldigungen gegen andere, z.B. Ärzte, Krankenhauspersonal etc. kommen.
Ambivalenz der Gefühle: Mögliche Wut, Hass auf den Verstorbenen werden aus Pietätsgründen unterdrückt und gegen sich selbst gerichtet. Gefahr der Idealisierung und Verklärung des Toten. Eine realistische Einschätzung des verlorenen Menschen mit seinen Fehlern und Schwächen muss allmählich zugelassen werden. Panische Angst vor dem Trauerschmerz; auch Angst, verrückt zu werden oder als solches zu gelten. Daher gewaltsame Abkürzung des Schmerzes durch Flucht in Aktivitäten, Reisen oder in die Empfindungslosigkeit. Aber Unterdrückung bzw. Vermeidung des Trauerschmerzes verlängert den Trauerprozess. Es zeigt sich, dass früher oder später diejenigen, die das bewusste Trauern vermeiden, bei scheinbar geringfügigem Anlass plötzlich zusammenbrechen und in eine Form von Depression verfallen.
Erschwerend in dieser Phase ist die Haltung der Gesellschaft, der Freunde, Kollegen, Verwandten, Hausbewohner, die dazu neigen, den Trauernden aufzumuntern, die Situation zu bagatellisieren, Trauer als ungesund, ja krankhaft zu stigmatisieren. 

Therapeutischer Hinweis: Emotionschaos beim Trauernden; Steckenbleiben in Schuldgefühlen.

Körperlich/seelische Reaktionen: Reizbarkeit, Neigung zu Depressionen, Apathie, Desinteresse an allem, Panikattacken, Herzrasen, Brustbeklemmungen, Kurzatmigkeit, Atemnot, Konzentrationsstörungen, Appetitmangel, Schlafstörungen.

Trauerphase 3 (Kast): Suchen und Sich-Trennen /Traueraufgabe 3 (Worden): Sich anpassen an eine Umwelt, in der der Verstorbene fehlt                   
Der Hinterbliebene sucht verzweifelt nach dem realen Menschen, mit dem er ganz bestimmte Erlebnisse, Erfahrungen, Lebensräume teilte und der jetzt tot ist. Überall, auch in fremden Gesichtern, Gestalten wird der Verstorbene gesucht, seine Gewohnheiten übernommen und nachgelebt. Identifikation und  intensive Auseinandersetzung mit dem Verstorbenen. Phantasieren, Halluzinieren; der Verstorbene erscheint plötzlich, scheint greifbar nahe.
Die Phase der Anpassung an den Verlust des geliebten Partners ist für die Bewältigung der Trauer unabdingbar. Lebensziele des Hinterbliebenen müssen neu definiert, neue Perspektiven eröffnet, eigene Kräfte mobilisiert werden. Der Trauernde muss sich allmählich den neuen Anforderungen, Pflichten des täglichen Lebens stellen. Das zu lange Verharren in Erinnerung birgt die Gefahr der Stagnation, der Isolation. Der Rückzug in die eigene (teilweise „erlernte“) Hilflosigkeit kann zu völliger Hoffnungslosigkeit, Ausweglosigkeit führen, verbunden mit Suizid-Gedanken; der Hinterbliebene will lieber sterben als die erdrückende Leere und empfundene Sinnlosigkeit des Lebens nach dem Verlust ertragen; u. U. auch um mit dem Verstorbenen wieder vereint zu sein. Suizid-Phantasien tauchen oft auf, werden aber in den wenigsten Fällen realisiert; trotzdem müssen sie ernst genommen werden.

Therapeutischer Hinweis: Den Wunsch des Trauernden nach Selbsttötung grundsätzlich akzeptieren, gleichzeitig aber die darin verborgenen Emotionen offen legen und vorhandene positive Ansätze fördern, die auf ein Leben hin zielen. Diese Phase birgt die Gefahr einer chronischen Trauer.

Körperlich/seelische Reaktionen: Depression, Suizidale Gedanken,
intensive Träume, zeitweise Realitätsverlust, Suchverhalten, lautes Reden
mit dem Toten, innere Zwiegespräche, überaktiv-apathisch.


Trauerphase 4 (Kast): Neuer Selbst- und Weltbezug 
Traueraufgabe 4 (Worden): Emotionale Energie abziehen, in eine andere Beziehung investieren.

Diese Phase ist für viele Menschen die schwerste: sie beinhaltet das emotionale Sich- Ablösen und gleichzeitig das Neubesetzen von psychischen Energien in andere Personen. Der Trauernde hält meist an der früheren Bindung fest, statt vorwärts zu schreiten; er fürchtet, die Erinnerung an den verstorbenen Partner zu „besudeln“, wenn er sich einem neuen Menschen zuwenden würde; oder er hat Angst, dass er auch diesen neuen Menschen verlieren könnte; oder er scheut den Konflikt mit den Kindern, die ihm eine neue Beziehung übel nehmen könnten. Es besteht die Gefahr, dass der Trauernde in dieser Gefühlsblockade stecken bleibt, manchmal auch bewusst, indem er sich in seinem Schmerz gelobt, nie mehr einen anderen Menschen lieben zu wollen.

Der Trauernde muss/darf einsehen, dass zwar nichts mehr ohne den geliebten Partner je so sein wird wie es einst war, aber dass das Leben neue Chancen bietet, neue Aspekte und dass das Sich-Öffnen für ein neues Leben nicht heißt, damit das Vergangene zu entwürdigen. Das gemeinsam Erlebte mit dem Verstorbenen bleibt ein kostbarer, unersetzbarer Schatz, auch wenn eine neue Partnerschaft angegangen wird.

Ein junges Mädchen beschreibt diese Erfahrung in einem Brief an ihre Mutter nach tiefer Trauer über den Tod des geliebten Vaters: „Es gibt andere Menschen, die man lieben kann, und das bedeutet nicht, dass ich Papa weniger lieb habe.“

Körperlich/seelische Reaktionen: Orientierungsschwierigkeiten, Anfälligkeit für Rückfälle, labile Stimmungslage, Überreaktion auf jede Form von Verlust, Fremdwahrnehmung, Normalisierung veränderter Körperfunktionen.
----

Trauer kann zwar irgendwann ein Ende finden, aber hört doch in gewissem Sinne nie auf.  Eine erfolgreiche Bewältigung der Trauer ist nicht daran zu messen, ob die Trauer (scheinbar) aufhört, sondern ob der Trauernde sich so weit stabilisiert hat, dass er sich dem Leben aus eigener Kraft wieder neu zuwenden kann.

„Man weiß, dass die akute Trauer nach einem solchen Verlust ablaufen wird, aber man wird ungetröstet bleiben, nie einen Ersatz finden. Alles, was an die Stelle rückt, und wenn es sie auch 
ganz ausfüllen sollte,  bleibt doch etwas anderes.“   
(Freud, 1929, an seinen Freund Binswanger, dessen Sohn gestorben war). 



Maria Reinecke, Autorin, Berlin 2007